Genossenschaften Kolumne

Andracks Genossenschaftliche Abenteuer, Teil 2: Raiffeisen, Marx und ein Missverständnis

Besuch in Trier: Die örtliche Volksbank setzt Genosse und Genossenschaftler ins Verhältnis. Foto: Juliane Herrmann/Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft

Ein Missverständnis geht um in Deutschland. Dieses Missverständnis pflegte sogar ein Autor der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, als er Ende Juli folgende Definition einer Genossenschaft niederschrieb: „Eine Genossenschaft ist eine Selbsthilfeorganisation in bester sozialistischer Manier.“ Oha! „In bester sozialistischer Manier“! Völker hört die Signale? Raiffeisen in einer Linie mit Marx, Engels, Lenin? Die Genossenschaftsgründer als Vordenker der Weltrevolution mit wehenden roten Fahnen? Ich wollte mir mal genauer anschauen, ob Genosse gleich Genossenschaftler ist, sozial gleich sozialistisch.

Hermann Schulze aus Delitzsch

In Delitzsch traf ich im Genossenschaftsmuseum Axel Viehweger, den Vorsitzenden der Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft. Der musste lachen, als ich den Verdacht äußerte, bei der genossenschaftlichen Idee könnte es sich um „eine Selbsthilfeorganisation in bester sozialistischer Manier“ handeln. Natürlich war die erste Schuhmachergenossenschaft von 1849 eine Art Selbsthilfeorganisation. Aber diese erste Handwerkergenossenschaft der Welt arbeitete nicht revolutionär, sondern behauptete sich im rauen Klima der wirtschaftlichen Lebensumstände. „Was einer nicht schafft, das schaffen viele“, wie es später Friedrich Wilhelm Raiffeisen formuliert hat, eine geniale, neue Form zu wirtschaften, aber ohne jede umstürzlerische Attitüde. Und das Beste: Die Genossenschaften waren ein Erfolg. Aber das war den Sozialisten ein Dorn im Auge. Berühmt-berüchtigt sind die verbalen Ausfälle des Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle gegen Schultze-Delitzsch: „Haarsträubender Blödsinn! Hirsebrei! Verlogenste Täuschung, gedankenloses Bimbamgeläute!“ Denn die Genossenschaftsidee traf einen wunden Punkt im sozialistischen Gedankengebäude: Es konnte den Sozialisten nicht gefallen, dass Arbeiter, Handwerker und Bauern ihr Schicksal in die eigene Hand nahmen und damit für die Weltrevolution verloren waren.

Karl Marx aus Trier

Ortswechsel, ich besuchte Karl Marx in dessen Geburtsstadt Trier. Auch der Erfinder des Kommunismus ist ja, wie Raiffeisen, 1818 geboren worden. Allerdings haben sich die beiden nie gesehen, obwohl Trier und der Westerwald ja eigentlich nicht so weit entfernt liegen. Karl Marx mag ja mit so mancher ökonomischen Analyse seiner Zeit richtig gelegen haben. Aber in einem entscheidenden Punkt lag er fundamental daneben: Der Kapitalismus, so Marx, führe durch seine Ausbeutung der Arbeiter und Bauern zu einer stetig wachsenden Verelendung des Proletariats. Dies führe dazu, so Marx, dass das arbeitende Volk sich schließlich erheben und nach einer Revolution eine Diktatur des Proletariats errichten würde. Dass aber einfache Arbeiter, Handwerker und Bauern ihr eigener Arbeitgeber werden und mithilfe einer Genossenschaft zu einem annehmbaren Wohlstand gelangen, das war im sozialistischen Weltbild von Karl Marx nicht vorgesehen – Raiffeisen und Schultze-Delitzsch haben also aus marxistischer Sicht die Revolution verhindert.

Manuel Andrack ist regelmäßiger Kolumnist der GAZ. Foto: privat

Dass aber einfache Arbeiter, Handwerker und Bauern ihr eigener Arbeitgeber werden und mithilfe einer Genossenschaft zu einem annehmbaren Wohlstand gelangen, das war im sozialistischen Weltbild von Karl Marx nicht vorgesehen.

 

Alles, nur kein Sozialist

Im Foyer der Volksbank Trier sah ich Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Karl Marx vereint: Der Westerwälder als aufrechte Statue in blauer Farbe auf einem kleinen Sockel. Der rote Trierer dagegen im Gartenzwergformat auf einem vergleichsweise riesigen Podest. Eine geniale Installation! Während Marx auch noch 200 Jahre nach seiner Geburt auf ein Podest gehoben wird, das seinem Vermächtnis in keiner Weise entspricht, begegnet uns Raiffeisen als Mensch mit all seinen Fehlern aber mit einer großartigen Idee, die er uns hinterlassen hat. Wobei ganz klar ist, dass Raiffeisen alles war, nur kein Revolutionär und Sozialist. Die Genossenschaftsidee ist zwar sozial, aber nicht sozialistisch, daher ist sie auch heute noch modern. Um allen Missverständnissen – auch bei der FAZ – vorzubeugen: Ein Genossenschaftler ist noch lange kein Genosse.