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Coronakrise bietet Chancen

Homeoffice: Im Zuge der Coronakrise gewinnt die Digitalisierung an Fahrt.

Das Coronavirus wird die Kapitalmärkte noch lange Zeit dominieren. Jens Wilhelm, der im Vorstand der Fondsgesellschaft Union Investment für das Portfoliomanagement zuständig ist, sieht die Pandemie als größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. „Der konjunkturelle Einbruch ist doppelt so tief wie in der Finanzkrise und erfolgt in kürzerer Zeit“, ordnet er die Ereignisse ein.

Nach den Prognosen von Union Investment wird das Bruttoinlandsprodukt in der Eurozone 2020 um 8,5 Prozent schrumpfen. Deutschland dürfte die Krise dabei mit Einbußen von 6,7 Prozent vergleichsweise glimpflich überstehen. Besonders gravierend dürften die Folgen in Italien (-11,7 Prozent) und Spanien (-11,5 Prozent) ausfallen. Die USA, in den vergangenen Jahren Hort wirtschaftlicher Stabilität, werden mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von 7 Prozent hart getroffen.

Konjunkturelle Talsohle bereits erreicht

Die konjunkturelle Talsohle dürfte bereits im zweiten Quartal 2020 erreicht worden sein. „Das Volumen der geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen ist höher als in der Finanzkrise und verfehlt seine Wirkung nicht. Das Schlimmste an den Märkten liegt hinter uns“, ist Wilhelm zuversichtlich. Zwar ist nach Einschätzung des Kapitalmarktstrategen mit einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen im Herbst 2020 zu rechnen.

„Staat, Wirtschaft und Gesellschaft sind aber viel besser vorbereitet und sollten nicht mehr überrascht sein. Die Folgen einer zweiten Welle werden daher für die Kapitalmärkte deutlich geringer ausfallen.“ Einen schnellen, V-förmigen Aufholprozess erwartet er jedoch nicht. „Die Erholung wird im zweiten Halbjahr 2020 einsetzen, aber sie wird flach verlaufen.“

Sorge vor schnellem Anstieg der Inflation unbegründet

Wilhelm rechnet mit moderatem Wachstum: „Die Sorge vor einem schnellen Anstieg der Inflation ist unbegründet.“ Zwar kann es seiner Einschätzung nach bei einigen Gütern vorübergehend zu steigenden Preisen kommen. Aber mittel- bis langfristig rechnet er mit einer anhaltenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrageschwäche, in deren Folge der Inflationsdruck gedämpft wird.

Stützpfeiler in der Bekämpfung der Krise sieht der Kapitalmarktstratege in den Hilfsprogrammen von Regierungen und Notenbanken. „Geld- und fiskalpolitisch wurde in der Coronakrise vieles richtig gemacht“, urteilt Wilhelm. Er rechnet damit, dass auch künftig der wirtschaftspolitische Fokus auf Wachstumsförderung und nicht auf Bekämpfung öffentlicher Haushaltsdefizite liegen wird. „Vor uns liegen Jahre mit strukturell erhöhten Schuldenquoten der öffentlichen Hand.“ Die Notenbanken werden diesen Kurs unterstützen.

Wilhelm geht von einem langsameren Tempo der Globalisierung aus: „Eine groß angelegte Rückverlagerung industrieller Fertigung in die westlichen Länder wird es nicht geben. Aber bei kritischen Gütern wie Schutzausrüstung oder Impfstoffen werden die Regierungen auf den Ausbau heimischer Produktionskapazitäten dringen.“

Anfälligkeit globaler Lieferketten

Darüber hinaus verweist er auf die Erfahrungen der Unternehmen in der Krise. „Die Coronakrise hat die Anfälligkeit globaler Lieferketten schonungslos offengelegt. Daraus werden die Unternehmen lernen“, erwartet Wilhelm. Er rechnet daher mit einer größeren Lagerhaltung der Unternehmen und kürzeren Lieferketten. „Die Globalisierung verliert als Wohlstands- und Wachstumstreiber an Kraft“, prognostiziert Wilhelm.

Und wie überstehen Unternehmen die Pandemie? „Starke Unternehmen werden gestärkt“, erwartet der Kapitalmarktstratege. Gleichzeitig rechnet Wilhelm damit, dass angeschlagene Unternehmen vermehrt scheitern werden. „Eine höhere Konzentration wird in vielen Branchen die Folge sein“, analysiert Wilhelm. Dort eröffnet sich die Chance auf höhere Margen und Gewinne.

Nachhaltigkeit wird die Geldanlage prägen

„Qualität wird sich mehr denn je auszahlen“, ist Wilhelm überzeugt. Nachhaltiges Investieren gewinnt nach Wilhelms Einschätzung weiter an Bedeutung: „Anleger stoßen beim Umgang mit der Pandemie allenthalben auf Nachhaltigkeitsfragen“, sagt er. „Das fängt bei der wachsenden Attraktivität der Gesundheitsbranche an und hört bei Aktionärsrechten auf virtuellen Hauptversammlungen auf.“ Wilhelm erwartet, dass Nachhaltigkeit die Geldanlage der Zukunft stark prägen wird.

Trotz der Unsicherheiten rund um das Coronavirus sieht Wilhelm die Anlagetrends der vergangenen Jahre bestätigt. „Das Negativ- bzw. Niedrigzinsumfeld hält nicht nur an, es verschärft und verbreitert sich sogar“, prognostiziert er. Investoren sieht er daher mehr denn je von einem Anlagenotstand bedroht. „Sichere Staatsanleihen werfen nach wie vor kaum Verzinsung ab. Hinzu kommt das massiv steigende Emissionsvolumen im Zuge der anziehenden Staatsverschuldung, was das Performancepotenzial begrenzt.“ Gerade unter Chance-Risiko-Aspekten zählen daher Unternehmensanleihen zu seinen Anlagefavoriten.

„Die größten Anlagechancen bieten nach wie vor Aktien. Es kommt aber mehr denn je auf die sorgfältige Titelauswahl an“, gibt er zu bedenken. Auch Rohstoffe schätzt der Kapitalmarktstratege als attraktiv, wenn auch volatil ein. „Der Ölpreis ist durch Angebotsbeschränkungen und schwache Nachfrage gedeckelt. Edel- und Industriemetalle bieten hingegen noch günstige Einstiegsgelegenheiten“, meint er.

Coronapandemie verstärkt Trends

„Corona wird zu einem Dekadenthema, dessen Konsequenzen genauso dauerhaft sein werden wie die Folgen der Finanzkrise“, resümiert Wilhelm. Die wichtigste Wirkung der Pandemie liegt seiner Einschätzung nach in der Verstärkung von Trends. „Die Krise beschleunigt bereits vorher angelegte Trends wie Deglobalisierung, Marktkonzentration und Nachhaltigkeit. An der Börse schafft Corona Gewinner wie Technologieaktien und Verlierer wie die Luftfahrt- oder Tourismusbranche“, folgert er. Anleger können sich diese Entwicklungen durch Investments in aktiv gemanagte Investmentfonds zunutze machen.