Regional VR-Bank

Digitalisierung ist Kopfsache

In seinem Vortrag eröffnete Professor Skibicki den Zuhörern einen Blick auf die vielfältigen Facetten der Digitalisierung.

Die Digitalisierung erobert immer größere Teile unseres Alltags. Sei es beim Schreiben einer WhatsApp, der Online-Buchung einer Reise oder dem Lesen aktueller Nachrichten im Internet. Doch wie ist es um die Digitalisierung in der Region Westmünsterland bestellt?

Jeder hat eigene Erfahrung mit der Digitalisierung

Um diese Frage zu beantworten, hatte die VR-Bank Westmünsterland mit Professor Dr. Klemens Skibicki einen renommierten Experten zu ihrer Vertreterversammlung eingeladen. Er beschäftigt sich mit der Digitalisierung aus wissenschaftlicher Sicht, aber auch als Unternehmer. „Jeder hat seine eigenen Erfahrungen mit der Digitalisierung und ärgert sich, wenn er mal keinen guten Empfang mit seinem Handy hat. Doch wie gut unsere Region in dieser Hinsicht insgesamt aufgestellt ist, beschäftigt uns als Bank sehr“, führte Berthold te Vrügt, Vorstand der VR-Bank Westmünsterland, Professor Skibicki ein.

„Entwickeln Sie Netzwerke, tun Sie sich zusammen, arbeiten Sie daran, die Digitalisierung gemeinsam in Ihrer Region voranzutreiben.“

Professor Dr. Klemens Skibicki
Direktor des Deutschen Instituts für Kommunikation und Recht im Internet

Ausgezeichnete Vorreiter in der Region

Mit einem Augenzwinkern wollte te Vrügt wissen, ob es nicht ein gutes Omen sei, dass das sperrige Kürzel WLAN auch als Abkürzung für Westmünsterland stehen könnte? „Wenn es um die Digitalisierung geht, verfügt die Region über ausgezeichnete Vorreiter in Sachen Digitalisierung“, lautete die Antwort von Skibicki. Sie seien ein gutes Beispiel dafür, dass innovative Unternehmen nicht in Großstädten angesiedelt sein müssen, um erfolgreich zu sein. Große Metropolen seien schließlich nur einen Mausklick entfernt, egal wo ein Unternehmen seinen Sitz hat. Das biete große Chance für eine Region wie das Westmünsterland, die ein attraktives Umfeld bieten kann.

Gravierende Veränderung der Gesellschaft

Skibicki, von Hause aus Wirtschaftshistoriker, ordnete die Digitalisierung auch geschichtlich ein: „Wie beim Übergang in das Industriezeitalter haben die Menschen Bedenken. Sie tun sich unfassbar schwer mit Veränderungen, wenn sie etwas von klein auf anders gelernt haben.“ So sei seine Generation noch mit der gedruckten Tageszeitung groß geworden, während junge Leute Nachrichten nur noch auf dem Smartphone lesen. Die Veränderung, die jetzt vor der Gesellschaft liegt, sei ähnlich gravierend wie bei der Elektrifizierung.

Digitalisierung ist ein Strukturwandel

„Menschen sind Gewohnheitstiere und lernen ungern um. Viele hatten damals die gleiche Abwehrhaltung wie heute.“ So stünde vor allem der Verlust von Jobs im Fokus der aktuellen Debatte. Dass mit der Digitalisierung neue Jobs entstehen bleibt dabei oft auf der Strecke. Die Digitalisierung ist ein Strukturwandel, wie es ihn immer wieder in der Geschichte der Menschheit gegeben hat.

Verunsicherung wie bei der Industrialisierung

Klemens Skibicki, Professor für Marketing und Marktforschung sowie wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Kommunikation und Recht im Internet (DIKRI) an der Cologne Business School, hat sich in seiner Dissertation mit dem Übergang vom Agrar- in das Industriezeitalter beschäftigt. „Als der digitale Strukturwandel mehr und mehr den Alltag der Menschen erreicht hat, habe ich ähnliche Mechanismen der Ablehnung, der Verunsicherung und Ziellosigkeit beobachtet, wie ich sie bisher aus Quellen von damals kannte.“

Menschen für die Digitalisierung begeistern

Sein Fazit daraus: „Der Wandel ist in erster Linie eine Kopfsache.“ Skibicki versucht herauszufinden, wie diese Muster funktionieren und wie man Menschen bei der Digitalisierung mit ins Boot nehmen kann. Viele versuchen, alte Denkmuster und Arbeitsweisen auf die Digitalisierung zu übertragen. „Das wird aber nicht erfolgreich sein“, ist der Wissenschaftler und Unternehmer überzeugt.

Gemeinsames Verständnis als Basis

„Wenn wir den Wandel gestalten wollen, brauchen wir ein gemeinsames Verständnis für die Digitalisierung.“ Dabei sieht Skibicki vor allem die Politik in der Pflicht. Aktuell führen seiner Einschätzung nach viele Entwicklungen in die falsche Richtung. Wie zum Beispiel die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Sie bilde einen Wettbewerbsnachteil der europäischen Internetfirmen gegenüber der Konkurrenz in den USA, weil die Verordnung einen so strengen Umgang mit Daten vorsieht, wie es ihn sonst nirgends auf der Welt gibt. „Mit der DSGVO versucht unser digital erfolgloser Kontinent, die digitalen Top-Unternehmen aus den USA und China zu regulieren, anstatt einen Rahmen zu schaffen, der unsere Wirtschaft bei der Aufholjagd unterstützt. Denn die Flucht nach vorne ist unsere einzige Chance.“

Politik gestaltet den Wandel nicht aktiv

Bezeichnenderweise stamme kein einziges der weltweit erfolgreichen Internetunternehmen aus Europa. Die Urheberrechtsreform beurteilt Skibicki als völlig falsches Signal. Sein Vorwurf: Die Politik denke nur kurzfristig in Wahlperioden, halte an bekannten Strukturen fest und baue für die Entwicklung der Digitalisierung hohe Hürden auf. Die Politik komme ihrer Verantwortung nicht nach, den Wandel aktiv zu gestalten.

Wünsche der Konsumenten rückten in den Fokus

Was heißt das jetzt für eine Region wie das Westmünsterland? „Unternehmen hier vor Ort sind nah an den Menschen dran und wissen, was sie wollen und sich wünschen“, so Skibicki. Mit der Digitalisierung rücken die Wünsche und Bedürfnisse noch einmal viel stärker und direkter in den Blick. Empfehlungen in sozialen Netzwerken haben immer ein größeres Gewicht.

Exzellente Unternehmen vor Ort

Das bietet Ansatzpunkte für maßgeschneiderte Produkte und Dienstleistungen. Hier sieht Skibicki auch eine große Chance für die Region: Denn gerade Familienunternehmen denken langfristig, haben von jeher einen engen Kontakt zu ihren Kunden und können den digitalen Wandel für sich sinnvoll nutzen. Mit d.velop und Tobit verfüge das Westmünsterland zudem über zwei exzellente Softwareunternehmen, die massiv von der Digitalisierung profitieren.

Digitalisierung gemeinsam vorantreiben

„Entwickeln Sie Netzwerke, tun Sie sich zusammen, arbeiten Sie daran, die Digitalisierung gemeinsam in Ihrer Region voranzutreiben“, empfahl der Internetexperte den Zuhörern. Und verband diesen Appell mit der Aufforderung, Druck auf die Politik auf Landes- und Bundesebene auszubauen, damit sie sich stärker um die Digitalisierung kümmert, Netze ausbaut und die Chancen des Wandels im Sinne der Menschen ergreift.

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