Regional Wirtschaft

Forst ist eine Generationengeschäft

Forst
Borkenkäfer, Eichenprozessionsspinner, Sturm und Trockenheit stellen die Forstwirtschaft vor große Herausforderungen. Foto: Friso Gentsch/dpa

Auf dem freien Feld stand mal ein Fichtenwald. Baumstümpfe ragen aus niedrigem Bewuchs heraus, vereinzelt liegen Stämme auf dem Boden. «Das ist nur eine Stelle, da wirst du dich noch um hunderte weitere kümmern müssen», sagt Wolfram Niehaus. Der 66-Jährige war hier jahrzehntelang Förster. Jetzt ist er im Ruhestand und zeigt seinem jungen Kollegen Sven Gerling seinen Forst.

Die drei vergangenen Jahre waren hart für den Wald, in ganz Deutschland, in Niedersachsen und auch hier im Landkreis Osnabrück. „Wegen des Borkenkäfers mussten hier alle Bäume gefällt werden“, sagt Niehaus. Der Käferbefall ist eine Folge des Klimawandels: Die Sommer wurden trockener und wärmer, den vermehrungsfreudigen Insekten haben die geschwächten Bäume kaum noch etwas entgegenzusetzen.

Viele Waldbesitzer

Nach 40 Berufsjahren ist Niehaus im November in den Ruhestand gegangen. Als er 1981 in den Beruf eintrat, wurde sein Nachfolger Gerling gerade geboren. Die beiden Förster waren und sind für die Landwirtschaftskammer Niedersachsen tätig. Ihr Revier liegt in Belm, Wallenhorst und Rulle, direkt an der Stadtgrenze zu Osnabrück. „Wir haben es hier nicht mit einem Waldbesitzer zu tun, sondern mit 310“, sagt Niehaus. Dazu gehören Landwirte ebenso wie Ärzte, Unternehmer oder andere Bürger. Teils wurde der Forst vererbt, teils gekauft.

Früher galt ein Stück Wald als Sparkasse des Landwirts – wer Holz brauchte, um sich eine Scheune zu bauen, holte es sich aus seinem Wald. Auch wer Geld benötigte, konnte Bäume für einen guten Kurs verkaufen. Die Zeiten haben sich geändert. An vielen Stellen ist der Wald abgestorben, Holz gibt es reichlich, die Preise sind im Keller. Zum Teil deckt der Ertrag nicht einmal die Kosten fürs Abholzen. Waldbesitzer müssen aber auch ans Wiederaufforsten denken, aber mit welchem Geld? „Das ist genau das Problem“, sagt Niehaus.

Waldschäden vergangener Jahrzehnte

Waldschäden gibt es nicht erst seit dem Trockenjahr 2018. Seit Januar 1987 arbeitete Niehaus als Bezirksförster in dem Revier. Und schon am Rosenmontag 1987 sorgte stundenlanger Eisregen für einen bis zu vier Zentimeter dicken Eispanzer auf Ästen und Zweigen. Die Schäden waren enorm. Große Schäden verursachte auch 2007 der Sturm „Kyrill“. Elf Jahre später, im Januar 2018, kam Sturmtief „Friederike“.

„An diesen Folgen haben wir heute noch zu knabbern“, sagt Niehaus. Denn die Bäume, die „Friederike“ umwarf, waren nicht so schnell aus dem Wald zu bekommen. Der heiße und trockene Sommer sorgte für ein exponentielles Wachstum des Borkenkäfers, der den Wald bis heute schädigt. Für die Waldbesitzer war das eine noch nie dagewesene Katastrophe. „Ich wäre gerne drei Jahre früher in Ruhestand gegangen – darauf hätte ich auch gut verzichten können“, sagt Niehaus.

Trockenheit setzt dem Forst zu

Es sind nicht nur die Borkenkäfer, die Waldbesitzern und Forstleuten Sorgen bereiten. Die Kahlschläge werden weitergehen, beim nächsten Sturm werden weitere geschwächte Bäume fallen. Irgendwann werde die Fichte größtenteils verschwunden sein – die flach wurzelnden Bäume bekommen in trockenen Sommern kaum Wasser. Auch Buchen geht es schlecht, Exemplare sterben ab oder sind in der Krone geschädigt. Ein Pilz sorgt für ein Eschensterben, für das es noch keine Lösung gibt. Auch die explosionsartige Vermehrung des Eichenprozessionsspinners – schädlich für Bäume und Menschen – gehört zu den Klimawandel-Folgen.

Waldbesitzer müssen sich nun Gedanken machen, wie sie ihren Wald umbauen. Auch die Baumschulen müssen sich umstellen und Baumarten bereitstellen, die besser auf ein Klima eingestellt sind, das in ein paar Jahren hierzulande herrschen werde, erklärt Gerling. Die Fichte werde es in größerer Zahl wohl nicht mehr geben.

Direkt neben dem abgeholzten Feld steht ein weiterer Fichtenwald. Viele Bäume stehen noch, aber den Kronen ist die Trockenheit anzusehen. Gerling hebt ein Stück Rinde auf und zeigt auf die Fressspuren des Borkenkäfers. Es gibt zwei Arten: Den größeren Buchbinder und den kleineren Kupferstecher. „Das hier war der Buchbinder.“ Niehaus weist seinen Nachfolger auf einen weiteren Waldabschnitt mit Fichten hin: Die Rinde löst sich dort vom Stamm, die Kronen sind braun und trocken. «Da werde ich wohl mit der Waldbesitzerin sprechen müssen», sagt Gerling.

Bessere Mischung anbauen

40 oder 50 Jahre haben die Bäume hier gestanden. In 30 Jahren wären sie normalerweise gefällt worden. „Das ist schon hart, die Fichten zu fällen, wenn sie gerade ins Geld wachsen“, sagt Gerling. Die Gespräche mit den Waldbesitzern würden nicht leicht. Wer einen Forst bewirtschaftet, muss in Generationen denken. Gerling muss die Besitzer beraten, wie der Wald in 100 Jahren aussehen sollte. Aber wie heftig wird sich das Klima noch verändern? Welche Baumarten sollen es sein?

Für die geschädigten Flächen gebe es in Niedersachsen eine Richtlinie, die sich an der Standortwasserbilanz orientiere, sagt Inge Dammann von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen. „Man möchte das Risiko streuen, mehr Mischung im Wald haben, also mit verschiedenen Baumarten arbeiten.“ Die Fichte solle aus vielen Standorten im Forst wegkommen, was aber nicht so einfach sei. Denn es müsse auch genügend Ersatzpflanzen geben.

Laut Waldzustandsbericht des Landes für das vergangene Jahr mussten seit 2017 mehr als 50 Prozent der Fichten als Schadholz entnommen werden oder sie sind abgestorben. Der Anteil starker Schäden lag 2020 mit 3,8 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im langjährigen Mittel.

Traumberuf Förster

Wie teuer die Waldbesitzer die Schäden aufgrund von Trockenheit und Borkenkäferbefall und der Umbau kommen, könne niemand seriös sagen, heißt es im Landwirtschaftsministerium in Hannover. Allein die Kosten für die Wiederbewaldung mit standortangepassten und klimagerechten Bäumen dürften in den nächsten Jahren bei knapp 300 Millionen Euro liegen, die tatsächlichen Gesamtkosten sicher ein Vielfaches höher.

Trotz aller Unwägbarkeiten freue er sich auf seinen neuen Job, sagt Gerling. Wie Niehaus studierte er in Göttingen Forstwirtschaft, arbeitete als Selbstständiger sowie für Unternehmen in der Forstwirtschaft und kümmerte sich zuletzt um Waldbestände der Deutschen Bahn. „Trotzdem hat mich der Traum, Förster zu werden, nie verlassen“, sagt er: „Ich wollte schon als Kind in den Wald.“ (dpa)