Genossenschaften Kolumne

Fünf Freunde gründen ein Gasthaus

Gasthaus
Voller Einsatz: Eine Genossenschaft renovierte Hotel und Gasthaus in Kirchboitzen. Foto: Manuel Andrack

Es begann wie in einem Enid-Blyton-Roman. Fünf Freunde sitzen zusammen und fassen einen Plan: Jeder von uns investiert 25.000 Euro und damit retten wir unsere Dorfkneipe. Nun gut, diese Spitzen-Idee überlebte den nächsten Morgen nicht – überraschende Nüchternheit und die resoluten Ehefrauen verhinderten ein Finanz-Harakiri. Also blieb nur eine Lösung, die einfach, nachhaltig und vor allem erfolgreich war: Man gründete eine Genossenschaft und betreibt seitdem die erste Geno-Kneipe in Niedersachsen. In der Heide wurde die Grundidee Raiffeisens erweitert: Was wenige (Freunde) nicht schaffen, das schaffen viele.

300 Jahre Gasthaus-Geschichte

Ich sitze mit vier Vorständen der Genossenschaft „Kirchboitzer Zukunft“ im Gasthaus Zum Domkreuger im Zentrum des Ortes, gegenüber die Kirche (der sogenannte Dom, na ja, eher ein Dömchen), innerhalb der geklinkerten Mauern der „Kreuger“, der Dorfkrug eben. Die Gaststätte hat eine fast 300 Jahre alte Geschichte, aber vor ein paar Jahren wurde klar, dass die letzte Betreiberin den Familienbetrieb schließen wollte. Keine Kneipe mehr für Kirchboitzen im Heidekreis (zwischen Hannover und Bremen) mit seinen 600 Einwohnern. Kein Ort mehr, an dem man sein ganzes Leben zusammenkommt: Wo man die Taufe feiert und die Konfirmation, die Hochzeit sowieso. Die Schützen des Ortes brauchen auch einen Treffpunkt, ein Spieleabend wird regelmäßig veranstaltet, die klassischen Tänzer brauchen eine Tanzfläche, um sich auszutoben. Und wenn dann die Liebsten sterben, dann möchte man den Leichenschmaus mit allen Verwandten und Freunden des Verstorbenen nicht zehn Kilometer entfernt veranstalten.

Gründung mit viel Eigenleistung

130 interessierte Mitbürger waren bei der ersten Versammlung dabei. 99 Mitglieder hatten nach einer Woche einen Anteil von 2.500 Euro gezeichnet, „mit der Gewissheit, dass wir das Geld nie wiedersehen“, wie es Vorstand Torsten offen sagt. Eine Dividende war auch nie geplant, aber ein Haufen Arbeit fiel an: Jeder Genossenschafter hat seine Fähigkeiten eingebracht, egal ob es um die Finanzen, um die Bauphase, die Pressearbeit ging. Gerade in der dreimonatigen Bauzeit 2016 haben (fast) alle Mitglieder ihre Freizeit in die Renovierung des Gasthauses investiert, eine beeindruckende Eigenleistung. Ein genossenschaftliches Teamwork, nicht nur die Finanzen, sondern auch die handwerkliche Arbeit betreffend. Aber zum Stichtag war alles tipp topp renoviert. Der Pächter des Gasthauses betreibt auch das angeschlossene Hotel (das die Genossenschafter ebenfalls sanierten) mit neun Doppelzimmern.

Dort steigen Geschäftsreisende, Monteure und Familien ab, die zum Beispiel den Heidepark in Soltau besuchen. Im Sommer kann man die Außengastronomie vor der Kneipe nutzen (mit Domblick) und hinter dem Haus (mit Sonnenuntergangblick). Das Highlight des Jahres ist aber der traditionelle und 400 Jahre alte Boitzer Markt („Karneval ist ein Scheißdreck dagegen“), terminiert am ersten Mittwoch im Oktober. Wegen dieses Termins musste die Geno-Kneipe so schnell fertig werden, denn es ist undenkbar, dass der Boitzer Markt ohne „Domkreuger“ stattfindet.

Beim Blick in die Speisekarte vermisse ich allerdings ein wenig den genossenschaftlichen Touch – das Raiffeisen-Steak mit einer kantigen Pfeffersauce, eine Paella für vier Personen (was einer nicht schafft, das schaffen viele) oder ein paar Geno-Weine aus Baden, Württemberg und von der Ahr. Aber man merkt allen Beteiligten an, wie glücklich sie mit ihrer genossenschaftlichen Kneipe sind. Man kann damit schließlich auch angeben: „Ich habe ein eigenes Gasthaus!“ Torsten sagt: „Es bringt Spaß, es schweißt unheimlich zusammen, es macht alle stolz.“ Ich proste den Kneipenbesitzern zu: Nicht lang schnacken, Kopp in Nacken!