Finanzen Sparen & Anlegen

Geldanlage in Zeiten des Niedrigzinses

Geldanalge
Union-Investment-Vorstand Hans Joachim Reinke über Geldanlage. Foto: Union Investment

Die Sparer rechnen selbst mehrheitlich nicht mit Änderungen am Zinsmarkt, reagieren aber nicht. Wie könnte man das Anlegerverhalten drehen?

In der Tat zeigen unsere Befragungen, dass die meisten Sparer nicht mit einer Zinswende rechnen. Sieben von zehn Anlegern erwarten sogar, dass sie demnächst Negativzinsen für Guthaben auf Spar- bzw. Tagesgeldkonten bezahlen müssen. Obwohl die Menschen wissen, dass sie etwas tun müssen, reagieren die meisten jedoch nicht und setzen weiter auf zinsbasierte Anlagen. Und so zählen Immobilien und Gold weiterhin zu den attraktivsten Sparformen der Deutschen. Aber: Investmentfonds finden insbesondere diejenigen interessant, die darin bereits investiert sind. Wer also eigene Erfahrungen damit gemacht hat, erkennt die Vorteile dieser Anlageform. Das bestätigt uns darin, dass die Evolution des Sparens weitergehen muss. Wir müssen gemeinsam mit den Genossenschaftsbanken für unsere Kunden Brücken zu mehr Ertrag bauen und sie dort abholen, wo sie beim letzten Zinsertrag stehen geblieben sind. Wir sind stolz, dass uns dies zusammen mit den genossenschaftlichen Banken über ratierliche Sparpläne gelingt. Auch wertpapierunerfahrene Sparer, darunter viele junge Menschen, gewinnen wir damit für eine ausgewogenere Geldanlage. Denn Fondssparen ist nicht nur ein Thema für Wertpapierinteressierte. Es ist ein Thema für alle – vom Kleinsparer bis zum vermögenden Kunden.

In Aktien oder Fonds zu investieren, scheint häufig angstbesetzt. Warum ist das so?

In unruhigen Zeiten – Stichpunkt Handelskonflikt, globale Konjunktursorgen und die Debatte um den Brexit – haben die Menschen Angst vor Vermögensverlust. Dabei gibt es insbesondere über langfristige Zeiträume hierfür keinen Anlass. Hinzu kommt: Die Deutschen haben überhaupt keine Lust, sich mit dem Thema Finanzen, Geldanlage, Kapitalmärkte auseinanderzusetzen. Der Besuch in der Bank ist für viele sogar schlimmer als ein Zahnarztbesuch. Und: Die Deutschen sind von sich aus einfach kein Volk von Aktionären – auch weil oftmals grundlegendes Finanzwissen fehlt. Denn es gibt in Deutschland keine Institution, die finanzielle Bildung vermittelt. Es wird über Finanzen nur in der Familie gesprochen. Wenn hier jedoch Halbwissen zu Halbwissen kommt, ist das kein ganzes Wissen. All dies führt dazu, dass deutsche Sparer großen Wert auf Sicherheit legen. Das Problem dabei ist nur, dass heute Sicherheit zum Risiko geworden ist, da man unter dem Strich Geld verliert. Wer die Zinsflaute ohne Blessuren überstehen möchte, kann sie aber nicht einfach aussitzen, sondern muss für eine gesunde Vermögensstruktur sorgen.

Eine „gesunde“ Vermögensstruktur – wie sieht diese für Sie aus?

Die Menschen benötigen aus unserer Sicht eine Vermögensstruktur, die Stabilität mit Renditeaussichten verbindet. Eine ausgewogene Struktur ist vergleichbar mit der Statik eines Hauses, das auf mehreren Säulen basiert. Dazu gehören neben Liquidität auch Geldwerte (beispielsweise verzinsliche Wertpapiere), Substanzwerte (wie Aktien) und Sachwerte wie Immobilien. Ist das Vermögen gut auf unterschiedliche Anlageklassen, -formen und -märkte verteilt, eröffnet dies zum einen mehr Chancen auf Erträge, zum anderen senkt eine solche breite Streuung auch mögliche Risiken – gerade über langfristige Anlagezeiträume. Die Ausgestaltung einer zeitgemäßen Vermögensstruktur ist natürlich zudem von den individuellen Zielen und Anforderungen des Sparers abhängig. Doch mit geeigneten Produkten wie Investmentfonds sind Chancen und Risiken gut in Einklang zu bringen.

Wie unterstützen Sie und die Volksbanken Raiffeisenbanken Ihre Kunden dabei, diese Vermögensstruktur zu erreichen?

Der Schlüssel ist aus unserer Sicht die persönliche Beratung. Ich sehe es so: Anleger und Sparer brauchen Orientierung und passende Ideen. Dabei ist ganzheitliche Beratung der Weg, denn der genossenschaftliche Beratungsansatz bietet den idealen Rahmen, die Situation des Kunden umfassend zu analysieren und passende Lösungen aufzuzeigen. Beratung macht den Weg frei für moderne Geldanlage, bei der wir mit zeitgemäßen Produkten die Brücke zum Sparer und seinen individuellen Bedürfnissen schlagen können. Für uns bedeutet das, wir haben weiter noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Spar- und Tagesgeldkonten, die Lieblingsanlageformen der deutschen Sparer, sind keine Ertragsbringer mehr. Sie dienen zwar immer noch zum Vorhalten von Liquidität, reichen aber nicht mehr aus, um den Wohlstand der Anleger zu sichern und zu mehren. Wer wie früher spart, wird vom Renditezug abgekoppelt, auf dem Sparer und Anleger schon länger fahren.

Wäre nicht ein Weltaktientag statt Weltspartag hilfreich?

Ich finde, dass der Weltspartag durchaus auch heutzutage seine Berechtigung hat. Übrigens sehen ihn viele Menschen als Anlass, um über das Thema Sparen ganz allgemein nachzudenken. Jeder Zehnte nutzt den Weltspartag sogar, um gemeinsam mit einem Bankberater seine aktuelle Finanzsituation zu überprüfen. Der Weltspartag ist also alles andere als ein Relikt aus längst vergangenen Sparbuchtagen. Er ist aktueller denn je und bietet unseren Partnerbanken und auch uns die Chance, in Zeiten dauerhaft niedriger Zinsen für zeitgemäßes Sparen zu werben. Einen Tag der Aktie gibt es übrigens – auch wenn dieser nicht so bekannt, weil viel jünger als der Weltspartag ist. Ausgerufen hat ihn die Deutsche Börse, um die Bedeutung der Aktie als Instrument zur Altersvorsorge in der Bevölkerung zu steigern und darauf hinzuweisen, dass ökonomische Bildung einen höheren Stellenwert erhalten muss.

Viele Kommentatoren sagten in den letzten Wochen, mit Christine Lagarde werde alles noch schlimmer. Welche Erwartungen haben Sie an die neue EZB-Präsidentin?

Vor acht Jahren hat Mario Draghi als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) ein schweres Erbe angetreten, nachdem die Politik die europäische Schuldenkrise nicht stoppen konnte oder wollte. Von Draghis Nachfolgerin Christine Lagarde erwarten wir, dass die Überlegungen der EZB transparenter werden. Die einstige Chefin des Internationalen Währungsfonds ist politisch bestens vernetzt und wird ihre Kontakte nutzen, um die Mitgliedsstaaten an ihre Verantwortung zu erinnern, Wachstum in der Eurozone zu fördern. In der Sache selbst dürfte es keinen Bruch geben. Lagardes grundsätzliche Haltung gleicht der von Draghi: Die Stabilisierung des Währungsraums muss über die europäischen Institutionen erfolgen. Voraussetzung dafür ist Solidarität.