Regional VR-Bank

John Kornblum sieht Deutschland vor Wandel

Deutschland hat die moderne Industrie so gut umgesetzt wie kein anderes Land, erläuterte John Kornblum beim UnternehmerForum der VR-Bank.

Das deutsch-amerikanische Verhältnis durchläuft eine angespannte Phase. Der schwelende Handelskonflikt verunsichert Unternehmer. „Die internationalen Beziehungen sind für Mittelständler im Münsterland wichtig. Die aktuellen Risiken haben wenig mit der Realwirtschaft zu tun, sondern gehen vom Handelskonflikt, der Zinspolitik oder dem drohenden Brexit aus. Für uns ist es wichtig zu wissen, wie es weitergeht“, begrüßte Dr. Wolfgang Baecker, Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Westmünsterland, John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter, beim UnternehmerForum der VR-Bank in Dülmen vor rund 200 Gästen.

Nachkriegsordnung endete am 9. September 2011

Kornblum gilt als profunder Kenner der Weltpolitik: „Wir sind in einer Phase des revolutionären, aber auch des rücksichtslosen Wandels“, lautet seine Analyse der derzeitigen Lage. Die Nachkriegsordnung sei endgültig Vergangenheit. „Sie endete am 9. September 2011.“ Für Deutschland seien die Konsequenzen immens, hat das Land doch im höchsten Maß von dieser Nachkriegsordnung profitiert und einen enormen wirtschaftlichen und politischen Aufstieg erreicht. Den Beweis sieht Kornblum in der exportstarken Wirtschaft: „Das Land hat die moderne Industrie so gut umgesetzt wie kein anderes. In Deutschland zu leben ist eine Freude.“

Derzeit sieht Kornblum Deutschland aber vor einer Riesenaufgabe. Denn das Land habe Schwierigkeiten, eine neue Rolle zu finden. „Deutsche haben Probleme mit dem Wandel. Die Nachkriegsordnung war bisher wie eine Lebensversicherung.“ Zwar sei Deutschland aktuell gut aufgestellt. Ein Grund, sich auf dem Erreichten auszuruhen, sei das aber nicht – im Gegenteil.

Deutschland verliert an Stärke

Deutschland drohe an Stärke zu verlieren, warnte Kornblum: Sei es durch die Uneinigkeit innerhalb der EU, die Abkehr der USA durch Präsident Donald Trump oder das schwierige Verhältnis mit Russland. Auch die Industrie stehe vor einem dramatischen Wandel: „Deutschland ist stolz auf seine Automobilindustrie. Doch neue Antriebe und Mobilitätskonzepte werden die Branche stark verändern.“ Da passte es gut, dass das UnternehmerForum der VR-Bank in den Räumen der Automanufaktur Wiesmann in Dülmen stattfand.  

Was Deutschland fehlt? „Selbstbewusstsein und Initiative. Deutschland scheut Risiken“, sagt Kornblum. Das gilt nach seinem Eindruck sogar für junge Leute. Hierzulande sei es noch immer schwierig, ein Start-up zu gründen. Viele Eltern empfehlen ihren Kindern, lieber in den Staatsdienst zu gehen. Was fehlt, sei die Dynamik der USA, die sich immer wieder erneuern kann. War Europa bislang technologisch führend, hat es diese Vorreiterrolle im digitalen Zeitalter verloren. Es sei nun an der Zeit, sich neu zu orientieren.

„Die kommenden Jahre werden noch verwirrender“

Auch in den transatlantischen Beziehungen bricht eine neue Ära an: „Es gibt nicht mehr die deutsch-amerikanischen Beziehungen, wie ich sie kannte“, betonte Kornblum. Er empfiehlt, die Beziehungen neu zu definieren: „Ich bin alles anderes als ein Fan von Donald Trump. Aber auf seine aggressive Weise eröffnet er Themen, die 30 Jahre lang unter den Teppich gekehrt wurden.“ Kornblum rät Deutschland, sich zu fragen, warum es „die Verteidigung des eigenen Landes aufgegeben hat und nun abhängiger von den USA ist als vor 30 Jahren“. Die Schwierigkeiten mit den USA auf Trump zu reduzieren, hält Kornblum als Antwort für zu einfach: „Die kommenden Jahre werden noch verwirrender werden als zuletzt.“

Für John Kornblum sind Brexit und die Wahl von Donald Trump vergleichbar: „Für mich ist das ein- und dasselbe Phänomen. Die reichen Großstädte sind global geprägt, ländliche Regionen grenzen sich eher ab“, so seine Analyse. Zwar haben gerade die ländlichen Regionen Großbritanniens von den Subventionen der EU profitiert. Doch von ihrer Mentalität her hält Kornblum die Briten für Inselbewohner durch und durch. Auf die Frage eines Unternehmers nach den Folgen des Brexits stellte Kornblum das Positive heraus: „Europa und England werden glücklicher sein, wenn das Land nicht mehr Teil der EU ist. Es ist aber im Interesse beider Seiten, sich auch in Zukunft stark aneinander zu binden.“

Automatisierung ist Triebfeder für Wandel

Kornblum sieht übrigens weniger die Globalisierung, sondern die Automatisierung als Triebfeder für den Wandel, der vor uns liegt. Die Rahmenbedingungen und die Organisation von Arbeit werden sich radikal verändern – wie auch die technologische und demografische Entwicklung die Gesellschaften verändern werden. „Wir erleben eine Übergangsphase mit viel Irrationalität und Unsicherheit.“

Zukunft ist der Westen

Doch so sehr die Weltordnung aus den Fugen zu geraten scheint, eines ist für Kornblum sicher: „Die Zukunft Europas und Deutschlands ist der Westen.“ Der Atlantik, den Kornblum als Binnensee zwischen Europa und den USA begreift, müsse als Achse gestärkt werden. Denn westliche Wertvorstellungen einigen Europa und die USA: „Das ist das beste System für die Zukunft.“ Das gelte gerade auch bei der Digitalisierung: „In Zukunft entstehen Strukturen auf Basis von Daten. Diese Strukturen müssen offen sein für Innovationen.“

Und das ist für Kornblum am besten in einer freien und offenen Gesellschaft möglich. Darin sieht er auch den großen Vorteil gegenüber China, das im Internet zensiert, Meinungsfreiheit unterdrückt und damit auch Innovationen verhindert. Er rät Deutschland davon ab, sich in der Phase des Umbruchs stärker an China oder auch an Russland zu orientieren. Den Abschluss des UnternehmerForums bildete eine Diskussionsrunde von John Kornblum gemeinsam mit den VR-Bank-Vorständen Dr. Wolfgang Baecker und Berthold te Vrügt, an der sich die Unternehmer rege beteiligten.

Weitere Informationen