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Renteneintritt der Babyboomer beschleunigt Strukturwandel

Rentenlücke
Land der Rentner: Im jahr 2050 stehen 100 Erwerbstätigen 50 Rentner gegenüber. Foto: adobe Stock

Die deutsche Bevölkerung altert – und schrumpft: Bis 2060 dürfte die Einwohnerzahl um rund fünf Millionen Personen auf 78,2 Millionen sinken. Kommen heute noch 31 Menschen im Rentenalter auf 100 Menschen im Erwerbstätigenalter, werden es 2060 über 50 sein. Den stärksten Schub erfährt der Altersstrukturwandel bereits in rund zehn Jahren, wenn die Babyboomer in Rente gehen. Daraus ergeben sich enorme wirtschaftlich-gesellschaftliche Herausforderungen wie steigender Fachkräftemangel, ein sinkendes Rentenniveau sowie höherer Druck auf den bereits heute knappen Wohnraum in Ballungszentren.

Überalterung abfedern

„Bisherige Reformschritte, wie die Riester-Rente oder die Rente mit 67, greifen angesichts der rasant alternden Gesellschaft zu kurz. Stattdessen braucht Deutschland strukturelle Konzepte, um die Folgen der Überalterung abzufedern. Wir müssen die steigenden Lasten für Unternehmen und Bürger entschlossen anpacken, und dürfen sie nicht einfach auf die nachfolgenden Generationen schieben“, sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank.

Trotz des späteren Renteneintritts stehen künftig immer mehr Menschen im Rentenalter immer weniger Erwerbstätigen gegenüber. Die Arbeitslosenquote liegt aktuell niedrig bei 5 Prozent, doch die Zahl offener Stellen beläuft sich im ersten Quartal auf fast 1,4 Millionen. Besonders mittelständische Unternehmen sorgen sich wegen fehlenden Personals. In der jüngsten Mittelstandsumfrage der DZ Bank nannten über 80 Prozent der befragten Unternehmen den Fachkräftemangel als Problem. Hoher Bedarf herrscht besonders im Transportbereich, dem Baugewerbe oder der Pflege – wiederum Branchen, die für die Bewältigung der demografischen Herausforderungen essentiell sind.

Grenzen der Automatisierung

Digitalisierung und Automatisierung wecken die Hoffnung, den Fachkräftemangel zu lindern. Längst werden Fertigungsschritte in Fabriken durch Roboter getätigt, die künftig noch „intelligenter“ werden und mehr Tätigkeiten übernehmen sollen. Gerade in Berufen, in denen Personalmangel herrscht, dürfte sich die Entwicklung neuer Automatisierungstechnologien lohnen. Diese stoßen jedoch auch an Grenzen.

„Personalmangel wird sich durch Technik allein nicht lösen lassen“, sagt Bielmeier. Vielmehr wird sich die Arbeitskräftenachfrage mit den neuen technischen Möglichkeiten verändern: Standardisierte Arbeiten können künftig automatisiert erfolgen. Die völlige Automatisierung von Berufen wird aber die Ausnahme bleiben. Vor allem in der Pflege und in sogenannten „MINT“-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) dürfte sich der bestehende Mangel sogar verschärfen. Den DZ-Bank-Ökonomen zufolge versuchen Unternehmen Fachkräfte zu werben und zu halten, indem sie ihnen höhere Flexibilität, familienfreundliche Bedingungen und Bildungsmöglichkeiten anbieten. Auch das von der Bundesregierung beschlossene Fachkräfteeinwanderungsgesetz sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, um das Angebot an Arbeitskräften auszuweiten.

Die jüngste Rentenreform greift zu kurz.

Stefan Bielmeier, DZ Bank

Wachsende Lücke in der Altersvorsorge

Bis zum Jahr 2025 steigt die Zahl der Personen über 67 Jahren um 7,5 Prozent. Doch die Herausforderungen treten erst danach auf – im Jahr 2035 wird die Gruppe der über 67-Jährigen um ganze 29,7 Prozent gewachsen sein. „Die jüngste Rentenreform, deren Ziele auf 2025 ausgerichtet sind, greift angesichts dieses sprunghaften Anstiegs mit dem Renteneintritt der Babyboomer zu kurz“, sagt Bielmeier. „Konzepte wie die Mütterrente oder die bedingungslose Grundrente schaffen nur Anspruch auf Rentenleistungen, klären aber nicht die Frage, wer zahlen soll und kann.“

Mit der wachsenden Altersvorsorgelücke bei vielen Bürgern ergeben sich den Research-Experten zufolge ähnlichen Probleme wie bei der Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland. Angesichts der sich zuspitzenden Lage erscheint daher eine Pflicht zur Vorsorge sinnvoll – ab bestimmten Einkommensgrenzen und bei maßvoll angesetzten Vorsorgeniveau. „Die Bürger dürfen nicht gezwungen werden, für eine Luxus-Rente zu sparen. Ziel sollte sein, einen würdigen Lebensstandard im Alter zu sichern“, erklärt DZ Bank-Ökonom Michael Stappel. Idealerweise beginnen die Bürger möglichst früh mit einer kapitalgedeckten Altersvorsorge und achten dabei auf eine ausgewogene Portfoliostruktur der Anlagemittel.