Genossenschaften Kolumne

Andracks genossenschaftliche Abenteuer, Teil 5: Sind wir nicht alle ein bisschen Genossenschaft?

Andrack Genossenschaft Bremer Höhe
Manuel Andrack zu Besuch bei der Wohnungsgenossenschaft Bremer Höhe in Brandenburg. Foto: Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft/Karolin Knüppel

Für fast alles, was man zum Leben braucht, gibt es in Deutschland eine Genossenschaft. Zum ersten das Essen: Das ist lebensnotwendig, und wird durch Einkaufsgenossenschaften wie Rewe, Edeka oder landwirtschaftliche Genos sichergestellt. Zweitens das Trinken. Überlebensnotwendig sind die Milch- Wein- und Brauereigenossenschaften. Drittens sollte man immer Geld zur Verfügung haben. Dafür sorgen (fast unbegrenzt) die Volks- und Raiffeisenbanken. Aber elementar wichtig ist es selbstverständlich auch, ein Dach über dem Kopf zu haben, eine Wohnung, die zudem bezahlbar sein sollte.

Genossenschaftliches Wohnen

Da seit vielen Jahrzehnten Wohnraum in den Großstädten knapp wird, explodieren die Mietpreise, die man sich selbst bei einem einträglichen Job kaum mehr leisten kann oder möchte. Erstaunlich daher, dass von politischer Seite nicht viel mehr das genossenschaftliche Wohnen und Bauen gefördert wird. Schon 2,2 Millionen Genossenschaftswohnungen werden von fünf Millionen Menschen bewohnt, und es sollten immer mehr werden. Ich habe im letzten Jahr ein sehr spannendes Projekt der Wobau-Geno „Bremer Höhe“ in Brandenburg besucht, das sogar mit dem gutdotierten Freiheitspreis des Domstifts Brandenburg gewürdigt wurde. Die Wohnungsbaugenossenschaft hatte ursprünglich angefangen, im großen Stil Mietshäuser in Berlin zu Genossenschaftswohnungen gemacht.

2006 erreichte Ulf Heitmann, Vorstand der „Bremer Höhe“, ein Notruf aus Hobrechtsfelde: „Wir wolln hier ooch ne Jenossenschaft, kann mal jemand kommen und sagen, wie dit jeht“. Man muss wissen, dass Hobrechtsfelde vor nicht allzu langer Zeit von einem Privatsender zum hässlichsten Dorf Brandenburgs gewählt wurde. Heitmann nahm sich der Sache an, und die Wohnungsbaugenossenschaft machte sich daran, vor den Toren Berlins die ehemaligen Landarbeiterhäuser zu sanieren. Um im Bild zu bleiben: Das hässliche Entlein Hobrechtsfelde wurde zum wunderschönen Schwan auf einem schwierigen Wohnungsmarkt. Großzügig geschnittene Wohnungen, viele Gärten, und das alles zu Mietpreisen zwischen fünf und sieben Euro pro Quadratmeter. Noch Fragen?

Noch viele Pläne

Aber die Wohnungsbaugenossenschaft hat noch weitere Pläne. Heitmann zeigt mir einen historischen, unrenovierten Festsaal des Dorfes. Es ist ein Zurück-in-die-Zukunft-Erlebnis, in einem Raum zu stehen, in dem noch die Silvester-Deko des Jahreswechsels 1990/1991 zu erkennen ist. Dieser Saal soll in diesem Jahr zu einem Gemeinschaftssaal mit 25 angrenzenden Genossenschaftswohnungen ausgebaut werden – die Warteliste für die Wohnungen ist lang. Und selten wird eine Wohnung frei. Der Mann von der „Bremer Höhe“ sagt: „Wegziehen tut hier keiner“.

Ich habe den Wohnprofi Heitmann gefragt, ob nicht das genossenschaftliche Wohnbaukonzept die Lösung aller Mietprobleme sein könnte und was die (Kommunal-)Politik machen sollte. Das Entscheidende ist, sagt Ulf Heitmann, „dass es kommunal freigegebenes Bauland gibt, auf dem genossenschaftlich gebaut wird.“ Das ist doch Klartext. Es könnte so einfach sein: Die Kommunen, (aber auch die Länder und der Bund), stellen ihr Bauland den Wohnungsbaugenossenschaften zur Verfügung. Denn das Bauland gehört ja uns allen, den Bürgern und Steuerzahlern der Kommunen. Davon profitieren alle, denn je mehr genossenschaftlichen Wohnraum es gibt, desto moderater sind alle Mieten. Das ist keine Utopie, in Zürich zum Beispiel funktioniert das ziemlich gut. Machen es wir wie die Schweizer, lasst uns mehr genossenschaftlich bauen!