Genossenschaften Kolumne

Andracks genossenschaftkliche Abenteuer, Teil 1: Vier Anteile für ein Hallelujah

Schulbesuch: Manuel Andrack testet den Schulkiosk in Dernbach. Foto: Juliane Herrmann

Auf seiner Deutschland-Tour 2018 anlässlich des 200. Geburtstags von Friedrich Wilhelm Raiffeisen ist Manuel Andrack zum Genossenschaftsfan geworden. Hier erste Eindrücke.Auf meiner Deutschland-Tour bin ich Genossenschaftsfan geworden. Das heißt aber auch, dass ich nicht nur passiv über Genossenschaften berichtet, sondern oft versucht habe, aktiv Anteile zu erwerben. Bei vielen, gerade den großen Genossenschaften, ist das nicht so einfach. Wenn ich in einer Milchgenossenschaft Mitglied werden will, brauche ich eine Milchkuh. Habe ich nicht. Wenn ich bei einer großen Konsumgenossenschaft wie Rewe oder Edeka dabei sein will, müsste ich eine Filiale selbstständig als Kaufmann führen. Das ist mir zu anstrengend, ich hörte von 14-Stunden-Tagen und das sechs Mal in der Woche. Och nö.

Schlachtschiffe und Newcomer

Deshalb war ich immer begeistert, wenn ich bemerkte, wie jung geblieben auch im 21. Jahrhundert die Idee Raiffeisens ist. Neben den großen genossenschaftlichen Schlachtschiffen wie Schwäbisch Hall, R+V-Versicherung oder die Volks- und Raiffeisenbanken gibt es sehr junge Genos, zum Beispiel die Brauereigenossenschaft von Oberhaching, gegründet im November 2015. Wenn man mit den Mitgliedern dort in der Nähe von München eine Hopfenkaltschale im urigen Biergarten trinkt, möchte man am liebsten sofort nach Oberhaching ziehen – wenn nicht die immensen Immobilienpreise wären. Also wurde ich einfach Mitglied der Brauereigenossenschaft und bin so mit diesem Projekt eng verbunden.

Besuch auf dem Raiffeisen-Campus

Aber noch jünger sind die zahlreichen Schülergenossenschaften in Deutschland. Nicht nur, dass die meisten dieser schulischen Genossenschaften in den letzten Jahren gegründet wurden, nein, die meisten Mitglieder sind auch noch sehr, sehr jung. Ich besuchte im August den Raiffeisen-Campus in Dernbach, einem kleinen Ort im Westerwald. Diese Privatschule fühlt sich dem genossenschaftlichen Gedanken sehr eng verbunden, daher verwundert es nicht, dass eine Schülergenossenschaft sich um die Nervennahrung der Lernenden kümmert. Die Schülergenossenschaft unterhält und bestückt einen Süßigkeiten-Automaten innerhalb der Schul-Mensa. Und dieser Automat muss oft nachgefüllt werden, wie ich vor Ort mitbekommen habe: „Voll ungerecht, der Noah hat doch tatsächlich das letzte Balisto genommen.“ Glücklicherweise muss man nicht Schüler sein, um in einer Schülergenossenschaft Mitglied zu werden. Es reicht auch, wenn man Eltern, Lehrer oder Genossenschafts-Fan ist. Da alle guten Dinge Drei sind, kaufte ich für 15 Euro drei Anteile und bezahlte bar.

Manuel Andrack ist regelmäßiger Kolumnist der GAZ. Foto: privat

Der betriebswirtschaftliche Lerneffekt ist bei all diesen Aktivitäten inkludiert. Und, so wurde mir berichtet, die Schüler tanken durch die genossenschaftlichen Erfahrungen ein unglaubliches Selbstbewusstein.

 

 

Vielfalt in der Weser-Ems-Region

Ich hatte im Westerwald gedacht, fast alle Schülergenossenschaften würden die Kantine ihrer Schule betreiben. Aber Anfang September war ich beim Verbandstag des Genossenschaftsverbands Weser-Ems in Oldenburg. Sieben Schülergenossenschaften präsentierten dort ihre Aktivitäten, und ich war von der Vielfalt schwer beeindruckt. Die eine Schülergenossenschaft ist eine IT-Beratungsfirma und repariert Computer und Handys. So eine Beratung könnte ich dringend gebrauchen.

Lerneffekt garantiert

Eine andere Schülergenossenschaft fertigt geschmackvolle Grußkarten und Geschenkverpackungen aus buntem Papier. Es sind aber nicht immer die Oberstüfler, die sich genossenschaftlich organisieren, auch Siebtklässler bedrucken schon T-Shirts und verkaufen sie, genauso die Mittelstüfler einer anderen Schule, die einen Schreibwarenladen an ihrem Lerninstitut unterhalten. Der betriebswirtschaftliche Lerneffekt ist bei all diesen Aktivitäten inkludiert. Und, so wurde mir berichtet, die Schüler tanken durch die genossenschaftlichen Erfahrungen ein unglaubliches Selbstbewusstein. Alles in allem war ich so begeistert, dass ich einen Anteil der Schülergenossenschaft EL-Fietsen aus Lingen erworben habe. Die verleihen unter anderem Elektro-Fahrräder. Aktuell habe ich also vier Anteile von Schülergenossenschaften, ich habe das Gefühl, dabei wird es nicht bleiben. Und das ist auch gut so.