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Werte-Index: Gesundheit ist Top-Thema

Werte-Index
In den Online-Medien diskutieren junge Menschen politischer als früher. Foto: Adobe Stock

Atom- und Kohleausstieg, CO2-Belastung und Fridays-for-Future-Demos: Die Diskussionen um die Zukunft von Klima und Menschheit haben sich auch auf einen Wertekanon von Internetnutzern in Deutschland ausgewirkt. War vor zwei Jahren die Ursprünglichkeit und Schönheit der Natur ein Sehnsuchtsort für deutschsprachige Nutzer von Facebook, Twitter & Co., ist sie im Werte-Index 2020 vom Spitzenplatz deutlich auf den siebten Platz zurückgefallen, wie die aktuelle Veröffentlichung der Forscher von Kantar, Bonsai und Trendbüro zeigt.

Stattdessen hat das Thema Gesundheit seine Spitzenposition zurückerobert. Der Austausch über Diagnosen, Therapien und Gesundheitsgefahren hat wieder zugenommen. Seit 2009 wird der Index alle zwei Jahre ermittelt. Forscher werteten dafür diesmal rund 3,3 Millionen Postings in deutschsprachigen Social-Media-Kanälen aus. Hinter dem Thema Familie auf Rang zwei (plus eins) liegt nun Erfolg.

Natur als politische Kraft

Doch ist es nicht paradox, dass ausgerechnet die Natur in Zeiten von Klimadebatten zurückfällt? „Die Natur ist nun Teil einer breiteren politischen und gesellschaftlichen Diskussion, die weniger in Social Media stattfindet“, erklärte Soziologe Jens Krüger. Zwar büßte auch Nachhaltigkeit einen Platz ein und war das Schlusslicht unter den zehn Werten. Allerdings fänden sich die Themen der Klimaaktivisten bei Werten wie Freiheit – unverändert auf dem vierten Platz – oder Gerechtigkeit (rückte um einen Platz auf den neunten Rang auf) wieder.

„Die Natur verliert ihre spirituelle Aura und wird politische Kraft. Die Sorge um das Klima hat zugenommen“, sagte Trendforscher Peter Wippermann. Die analysierten Chats und Einträge in den sozialen Medien demonstrierten die Polarisierung in der Gesellschaft: Während Kinder und junge Erwachsene von Klima-Angst geprägt seien, wehrten die Älteren eine Öko-Diktatur ab – pro Status-Quo.

Weniger Lifestyle, mehr Politik

Die Diskussionen auf Websites, in Blogs und Foren sind nach Beobachtung der Analysten politischer geworden. „Weniger Lifestyle, mehr Politik. Die Gespräche werden insgesamt kritischer, politischer und handfester“, resümierte Wippermann. Die sehr emotionalen Forderungen bezogen auf die Zukunft der Welt fingen bei den Kindern an, drängten in die Familien und von dort in die Politik. „Politik wird aber nicht mehr in Parteien gelebt, sondern in Gruppierungen“, hielt der TrendfWerteorscher fest. Es gebe keinen gesellschaftlichen Konsens mehr, sondern es kämpften Gemeinschaften um ihre Ziele.

Definierten frühere Generationen ihren Erfolg meist über den Job, sei dies seit der Finanzkrise 2008/09 vorbei, berichtete der Trendanalyst. Es gehe nicht mehr um Geld und Besitz des einzelnen, sondern um gemeinschaftliche Ziele. „Fridays for Future ist ein kollektiver Erfolg“, sagte Wippermann. Die Werte Freiheit und Sicherheit bleiben ein Stabilitätsanker und sind unverändert auf den Rängen vier und fünf. Aber auch hier wird hinterfragt: Wie unabhängig sind Institutionen? Und bleibt der Staat ein Sicherheitsgarant? Die Generation Z, geboren etwa zwischen 1995 und 2010, blicke hinter die Lifestyle-Fassade und führe eine aktive Diskussion um die Werte von Morgen, der sich Politik und Wirtschaft nicht entziehen könnten. Wippermann: „Für alle, die etwas besser machen wollen, sind es jetzt gute Zeiten. Mit dem Greenwashing – so tun als ob – ist es aber vorbei.“ (dpa)