Kolumne Regional

Westerwald: moderne genossenschaftliche Konzepte

Westerwald
Zukunftslabor: Bürgermeister Thomas Scholz hat in Mengerskirchen im Westerwald schon einiges auf den Weg gebracht. Foto: Andrack

Mengerskirchen im Westerwald ist das kommunale Zukunftslabor der genossenschaftlichen Idee. 6.000 Einwohner, fünf Ortsteile, eine hessische Gemeinde in der Nähe von Limburg, ein pfiffiger Bürgermeister. Im pittoresken Ort Dillhausen stehe ich vor einer ganz klassischen Dorfgenossenschaft: „Kätchens Dorfladen“ in einem alten Bauernhaus. Die Genossenschafter teilen sich die Arbeit, leider hat das Geschäft heute geschlossen. Daher muss ich auf die frische Wurst der regionalen Metzgerei und die Ahle Wurst aus Nordhessen ebenso verzichten wie auf die Kartoffeln vom Bauer Rompel in Lindenholzhausen. Sehr gut gefällt mir das Angebot, das ich im Schaukasten entdecke: „Spontan gibt es Eintöpfe oder Kuchen“ im Café, das zum Dorfladen gehört. „Wenn jetzt kein Corona wäre“, sagt Bürgermeister Thomas Scholz, „wäre der Garten brechend voll, das ermöglicht soziale Interaktion im Dorf.“

Den Energieknoten durchschlagen

Bürgermeister Scholz hat vor einigen Jahren sein Meisterstück abgeliefert. In Mengerskirchen ist der Energieknoten geplatzt. Ein Windpark auf dem Knoten (das ist der höchste Berg der Gemeinde) profitiert vom legendären Wind im Westerwald. Der erzeugte Strom wird direkt in das Netz der Gemeinde eingespeist und deckt 145 Prozent des Bedarfs, es bleibt als noch ganz schön viel Energie übrig, die man verkaufen kann. Scholz sagt: „Die Energiewende ist bei uns vollzogen und die Wertschöpfung bleibt im Ort.“ Denn der Windpark ist eine GmbH mit vier Gesellschaftern: Die Gemeinde ist beteiligt, ein Windenergie-Projektierer, der regionale Stromversorger – und 44 Prozent der Anteile hält eine Genossenschaft.

Die 116 Genossenschafter (Voraussetzung ist leider, dass man einen Wohnsitz in der Gemeinde hat) erhalten jährlich eine Dividende von – anschnallen bitte – 11 (!) Prozent. Es bleibt aber ein ordentlicher Überschuss für den Marktflecken Mengerskirchen. Deswegen zahlen die Bürger keine Kita-Gebühren, Schlaglöcher sind unbekannt, auch die Coronkrise wird man meistern. Indirekt profitieren durch das Modell alle Bürger und nicht nur die wenigen, die Genossenschafter sind. Aber die Genossenschaft schuf eine große Akzeptanz für die Windenergie, die Bürgerinnen und Bürger fühlten sich verstanden. Mich überzeugt dieses genossenschaftliche Hybridmodell: Eine Bürgergeno ist in eine GmbH eingebunden – genial!

Ein Inklusionshaus entsteht

Aber Bürgermeister Scholz kann noch ein zweites Hybridmodell präsentieren. Wir stehen vor dem sogenannten Inklusionshaus. Noch ist das eine Baustelle, aber der Rohbau steht und Anfang nächsten Jahres können die ersten Mieter einziehen. Behindertengerechtes und altersgerechtes Wohnen sowie inklusives Arbeiten, alles vor Ort in der Dorfmitte. Der Bürgermeister erzählt stolz, dass dieses Projekt „für so eine kleine Gemeinde einzigartig in Deutschland“ sei. Und großartig ist auch die Kombi aus Geno und einem eingetragenen Verein. Die Genossenschaft ist Bauträger und stemmt die Baukosten, der Verein wird sich ehrenamtlich um die Bewohner kümmern. Es gibt beispielsweise Unternehmen, die lieber 5.000 Euro an den Verein spenden, als Genossenschafter zu werden.

Bürgermeister Scholz ist ein perfekter Jongleur der Rechtsformen und Erfinder des genossenschaftlichen Hybrids. Geno plus GmbH, Geno plus Verein, geht alles und ist für alle Beteiligten hier im Westerwald eine Win-Win-Win-Situation. Ich glaube, dass genossenschaftliche Ideen wie diese einen Weg aus der Corona-Krise weisen können. Alle Kommunen haben zurzeit enorme Einnahmenverluste, alleine durch Gewerbesteuer-Ausfälle. Bürgermeister Scholz sieht das genauso: „Neue Genossenschaften werden eine starke Bedeutung nach der Krise haben, wir werden das Engagement der Bürger nutzen müssen.“ Mengerskirchen hat vorgemacht, wie das gehen kann.