Kolumne

Wutbauer und Kartoffelkönig

Landwirtschaft
Hallo wach? Die Anlieferung der Pommes-Rohware beeindruckte Manuel Andrack besonders. Foto: Juliane Herrmann

Über den Titel „Wutbauer“ würde sich Dr. Willi Kremer-Schillings bestimmt nicht beschweren. Ich habe Bauer Willi, wie sich der Doktor der Agrarwissenschaften der Einfachheit halber nennt, vor kurzem in Berlin kennengelernt. Er streitet und kämpft für die Ehre und Würde der Landwirte in Deutschland. Es geht ihm um die Balance zwischen Umweltschutz und den Interessen der Landwirte. Ganz klar, wenn die deutschen Bauern weitermachen wie bisher, ist das nicht optimal für‘s Klima, den Artenschutz, das Tierwohl. Wenn man aber mit übertriebenen Umweltauflagen das jetzt schon existente Bauernsterben befördert, Bauernopfer bringt sozusagen, dann kommen die landwirtschaftlichen Produkte unseres täglichen Bedarfs aus Osteuropa, Asien oder Nord- und Südamerika. Sehr, sehr schlecht für’s Klima, den Artenschutz, das Tierwohl – global gesehen. Bauer Willi ist daher zum Agraraktivisten geworden. Er ist

Von grünen Kreuzen …

Facebook-Influencer, er ist Initiator der grünen Kreuze, die an den Feldrändern stehen, er sitzt mit Angela Merkel beim Bauernkrisengipfel an einem Tisch und er hat ein wunderbares Buch mit dem Titel „Sauerei!“ geschrieben. In diesem Buch outet sich der Wut-Bauer als Genosse, denn auf seine landwirtschaftliche Genossenschaft lässt er nichts kommen. „Meine Genossenschaft hat rund 1.200 Mitglieder“ schreibt er in seinem Buch und nennt sich „Genosse Bauer“. Nun, das hört sich sehr nach Post-Kommunismus an, ich bevorzuge seit neuestem den Begriff „Genossenschafter“. Da Bauer Willi seinen Hof im Westen von Köln bewirtschaftet, ist seine Genossenschaft die RWZ, die Raiffeisen Waren-Zentrale Rhein-Main eG. „Mir ist meine Genossenschaft wichtig, weil sie mir vernünftige Konditionen für den Einkauf und die Vermarktung meiner Produkte anbieten kann.“ sagt Bauer Willi. Er bezieht einerseits seine Betriebsmittel von ihr (Maschinen, Saatgut etc.) und liefert der Genossenschaft seine Produkte.

… Blaubeeren und Spargel …

Bei meiner großen Raiffeisen-Deutschland-Tour habe ich andere Bauern der RWZ besucht, die auf vielfältige Art und Weise von ihrer Genossenschaft profitieren. Spargelbauer Kisters in Walbeck an der niederländischen Grenze pflanzt seit kurzem Blaubeeren an, weil es danach eine sehr große Nachfrage gibt. Nun schaut man als Spargelbauer ja nicht bei Wikipedia nach, wie man diese Blaubeeren anpflanzt und vor allem perfekte Erträge erzielt. Daher kommt der Pflanzenberater von der RWZ vorbei. Der weiß genau, wieviel Saatgut benötigt wird, kontrolliert zusammen mit dem Landwirt den Wuchs und hat sogar eine Pappkiste mit Hummeln für die Befruchtung der Blüten dabei. Ein Rund-um-Sorglos-Paket der Genossenschaft.

… Kartoffel und Pommes

Sehr beeindruckt war ich kurz darauf, als ich den größten Kartoffelhändler Europas besuchte, die Weuthen GmbH. Neben einem Kipplaster zu stehen, der gerade tonnenweise Kartoffeln entlädt, kann schon einen Hallo-Wach-Effekt auslösen. Ehrlich gesagt, habe ich von dem Lärm fast einen Herzkasper bekommen. Die Kartoffelkontrolleure von Weuthen betreiben eine betriebsinterne Imbissbude. Aus den ankommenden Kartoffeln werden Pommes Frites geschnitzt, frittiert und verkostet. Denn fast alle Fritten, die in Deutschland in Mayo und Ketchup getunkt werden, werden aus genossenschaftlichen Erdäpfeln von Weuthen gemacht. Die Kartoffeln von Bauer Willi landen wahrscheinlich auch bei Weuthen, das muss ich ihn bei unserem nächsten Treffen mal fragen. In der genossenschaftlichen Welt ist eben alles verbunden, verknüpft, vernetzt.